Warum wir alle mehr Lebensmittel retten müssen!

Vor einiger Zeit beobachtete ich auf dem Münchner Pasinger Viktualienmarkt eine Szene, die mich zum Nachdenken brachte. Eine Kundin vor mir am Gemüsestand lehnte eine Paprika ab, weil sie eine kleine Delle hatte. Die nächste Kundin verweigerte einen Zucchini, weil ihr die Farbe nicht gefiel, obwohl das Gemüse vollkommen ausgereift war. Innerlich schüttelte ich den Kopf. Unserem Magen ist es doch völlig egal, ob eine Paprika eine Delle hat oder ein Zucchino einen dunkleren Fleck. Als ich dann an der Reihe war, sagte ich zur Händlerin, dass ich genau diese beiden Gemüsestücke gerne hätte. Zu Hause zauberte ich daraus eine Art Ratatouille mit etwas Reis – köstlich!
Lebensmittel retten kann jeder! Gerade jetzt, wo Klimaschutz dringender denn je ist! Dabei verlangt niemand, dass man in Müllcontainer steigt oder Verdorbenes isst. Es sind die kleinen Schritte, die einen Unterschied machen.
Zum Beispiel: Beim Bäcker ein Brot mit aufgeplatzter Kruste kaufen, das sonst liegen bleiben würde. Oder in der Kuchentheke ein Stück wählen, das etwas schief steht. Im Supermarkt bewusst zur Banane mit braunem Fleck greifen und verzehren oder ein Bananenbrot daraus machen. All diese Produkte würden am Abend entsorgt. Nicht, weil sie schlecht sind, sondern weil sie nicht mehr „perfekt“ aussehen. Oft passt das Aussehen nicht in die Erwartung der Kunden. Manche drücken sogar gezielt auf empfindliche Ware oder probieren ungefragt – was übrigens verboten ist. Andere suchen sich stets das frischeste Produkt heraus und schieben ältere Ware nach hinten. Das Ergebnis: gute Lebensmittel landen im Müll.
Wer ist eigentlich verantwortlich für Lebensmittelverschwendung?
Lebensmittelverschwendung beginnt bereits ganz am Anfang der Nahrungskette auf dem Acker, weil wir ein perfektes Aussehen wollen. Weitere Gründe sind hier aufgelistet:
Landwirtschaft: Viele Lebensmittel werden direkt auf dem Feld untergepflügt. Warum? Gurken sind „zu krumm“, als dass sie von Supermarkt oder Bioladen akzeptiert würden – nicht wegen EU-Vorgaben, sondern weil sie sich schlecht in Kisten stapeln lassen. Auch bei Größe, Farbe oder Form wird oft aussortiert. Besonders im Biolandbau, wo Schädlingsbefall und Unkrautdruck häufiger vorkommen, wird mehr aussortiert als in der konventionellen Landwirtschaft.
Supermärkte: Hier beginnt das Problem oft in den Konzernzentralen. Sie verpflichten Filialen, Aktionsware aus Werbeprospekten zu führen, auch wenn der Filialleiter weiß, dass sie sich nicht verkaufen lässt. Hinzu kommen schlechte Lagerbedingungen: Kühlwaren stehen stundenlang auf dem Flur, ungeübtes Personal geht unsauber mit Lebensmitteln an der Theke um. In Kühlregalen wird mit Straßenschuhen gestiegen wenn die Person zu klein ist.
Bäckereien: Viele Kunden erwarten selbst am späten Abend oder sonntags frische Brötchen. Ein traditioneller Bäcker mit eigener Backstube kann zumindest Altbrot sinnvoll weiterverwenden, etwa für Sauerteig oder als Tierfutter, und die Mengen besser planen. Doch viele Filialen sind heute reine Aufbackstationen: Fertig gebackene oder tiefgekühlte Brötchen kommen aus Fabriken, häufig aus dem Ausland, und werden nur noch „aufgeknuspert“ – also vor Ort in Mini-Öfen nachgebräunt. Man nennt sie auch in der Fachsprache „Aufknusperbetriebe“.
Discounter: Hier wird viel zerstört – oft durch Kunden. Produkte werden achtlos zurück ins Regal geworfen, Packungen aufgerissen, verderbliche Ware aus der Kühlung genommen und irgendwo hingelegt wenn das Geld nicht reicht. Zusätzlich wird jede noch so kleine Lücke mit Ware gefüllt, die kaum abverkauft werden kann und die Landwirtschaft zerstört durch riesige Monokulturen und viel zu geringe Löhne. Das Ergebnis: Abends landet vieles davon im Müll. Besonders viel Brot landet dort im Müll.
Lebensmittelproduktion: Auch hier wird entsorgt – nicht, weil das Produkt schlecht wäre, sondern weil die Nachfrage fehlt. Innereien wie Kutteln, schwer zu verarbeitendes Gemüse oder auch Molke finden kaum noch Abnehmer. Stattdessen setzen viele Influencer auf „trendy“ Produkte wie Avocado, Kokos oder Kaffee – oft mit hohem Wasserverbrauch und langen Transportwegen. Umwelt egal, hauptsache es ist schön bunt vor der Kamera und die Followerzahlen stimmen.
Kunden: Auch unser Verhalten trägt einen großen Teil zur Verschwendung bei. Der Kühlschrank ist zu warm eingestellt, eine Kühltasche fehlt beim Einkauf, Vorräte geraten in Vergessenheit oder spontane Gelüste verdrängen den Einkaufsplan.
Natürlich gibt es Hilfsorganisationen, die überschüssige Lebensmittel abholen, doch auch hier ist nicht alles ideal. Berichte über unsachgemäße Lagerung, bevorzugte Entnahme für den Eigengebrauch der Mitarbeiter oder hinterlassene Unordnung haben dazu geführt, dass manchen Gruppen der Zutritt zu Supermärkten oder Fabriken verweigert wurde.
Manchmal macht es der Handel sich auch zu leicht: Ware abschreiben, abgeben, fertig, macht ein reines Gewissen. Am nächsten Tag wird einfach neu bestellt und das Spiel beginnt von vorne.
So darf es nicht weitergehen!!!
Was bedeutet eigentlich Lebensmittelrettung – und wie kann ich mitmachen?
Lebensmittelrettung heißt: Produkte kaufen, die sonst am selben Tag im Müll landen würden – zum Beispiel in Supermärkten. Die Kunden profitieren von niedrigeren Preisen, die Händler freuen sich, weil sie wenigstens noch einen Teil der Ware verkaufen können. Eine Win-win-Situation.
Wo kann ich Lebensmittel retten?
– Im Supermarkt: Viele Märkte haben reduzierte Ecken mit Produkten, die beschädigt oder kurz vor Ablauf sind. Schnell zuhause verarbeitet, schmecken sie genauso gut wie alles andere.
– Foodsharing-Stellen: In manchen Städten gibt es öffentlich zugängliche Kühlschränke oder Regale. Wer etwas übrig hat, stellt es hinein. Wer etwas braucht, kann sich bedienen. So entsteht ein Geben und Nehmen – gut für Mensch und Umwelt.
– Rettungsunternehmen: Einige Firmen kaufen Überproduktionen direkt bei Lebensmittelherstellern. Ich habe zum Beispiel kürzlich online ein Schokoladenpaket bestellt – bekannte Marken, aber die Tafeln waren ein paar Gramm zu leicht. Aussortiert, aber noch jahrelang haltbar!
– Fabrikverkäufe: Noch direkter geht’s beim Werksverkauf. Ob Gummibärchen, Kekse, Milchprodukte oder Marmelade – oft gibt es hier günstig „zweite Wahl“ in großen Tüten. Warum nicht gleich den nächsten Ausflug mit einem Besuch beim Fabrikverkauf verbinden?
– Per App: Es gibt Apps zur Lebensmittelrettung, in denen Läden ihre Angebote listen. Man bucht online und nach online Bezahlung holt die Ware zur vereinbarten Zeit pünktlich ab – einfach und effizient.
– Beim Bauern: Nach der Ernte bleiben oft Reste auf dem Feld zurück. Wer freundlich fragt, darf vielleicht nachklauben. *Wichtig:* Vorher unbedingt um Erlaubnis bitten! Landwirtschaftliche Flächen sind Privatgrund, und das gilt auch für das schnelle Foto von Privatleuten oder Influencern zwischendurch. Basta! Durch das illegale betreten wird oft eine Ernte beschädigt oder Zerstört.
– Soziale Einrichtungen: Viele Gemeinden, Kirchen oder Hilfsinitiativen nehmen gerettete Lebensmittel an und geben sie weiter. Dort kann man spenden, helfen oder – wenn man selbst Bedarf hat – Unterstützung erhalten.
Wie kann ich selbst Lebensmittelverschwendung verhindern?
– Nie hungrig einkaufen: Wer hungrig in den Supermarkt geht, greift oft unüberlegt zu – und kauft mehr als nötig. Besser: Vorab eine Einkaufsliste schreiben oder die Wünsche im Handy notieren. Planen sie gerne Ihre Woche im Vorraus.
– Vorräte haltbar machen: Einkochen, Einfrieren, Trocknen oder Backen – so bleiben Lebensmittel länger genießbar.
– Clever kochen: Bereiten Sie nur so viel zu, wie wirklich gegessen wird. Neutral gewürzte Gerichte lassen sich gut abwandeln: Kartoffelsuppe etwa mit Wurst oder Griesnockerl am ersten, mit Croutons am zweiten Tag.
– Zuerst gekauft, zuerst verbrauchen: Im Kühlschrank sollten Produkte mit nahendem Ablaufdatum zuerst verbraucht werden. Haltbare Produkte die keiner Kühlung bedürfen stellen sie griffbereit in den nähe des Herdes, so sind sie in Sichtweite und werden schneller verarbeitet.
– Kreativität statt Langeweile: Je bunter der Teller, desto spannender das Gericht! Oft reicht ein Blick in die Vorratskammer, um mit Fantasie ein neues Lieblingsgericht zu entdecken.
Mindesthaltbarkeitsdatum oder Verbrauchsdatum – worin liegt der Unterschied?
– MHD (Mindesthaltbarkeitsdatum): Der Hersteller garantiert lediglich, dass Geschmack, Farbe und Konsistenz bis zum genannten Datum erhalten bleiben. Ein Überschreiten ist in den meisten Fällen unproblematisch. Der eigene Geruchs- und Geschmackssinn hilft beim Einschätzen. Auch wenn Erdbeermarmelade nicht mehr leuchtend rot, sondern grau erscheint und ist das Vakuum durch ein Knackgeräusch beim Öffnen intakt und riecht sie gut wie immer, kann sie noch lange gegessen werden. Oft hält sie Jahrzehnte über den Termin.
– Verbrauchsdatum: Dieses steht auf leicht verderblichen Lebensmitteln wie rohem Fleisch oder Fisch. Nach Ablauf bitte nicht mehr konsumieren – hier drohen echte Gesundheitsgefahren! Auf der Packung steht dann „Zu verbrauchen bis…“
Mein Tipp: Achten Sie genau auf die Formulierung auf der Verpackung: „Mindestens haltbar bis …“ bedeutet etwas anderes als „Zu verbrauchen bis …“
Was ich aus meinen geretteten Lebensmitteln oben aus dem Foto gezaubert habe?
- Tag 1: Lauchzwiebeln und Pilze wurden zu köstlichen Rahmschwammerln mit Reis und frischem Salat.
- Für den Nachmittag: Bananenquarkkugeln gebacken – lecker und zwei Tage lang haltbar.
- Zum Abendbrot: Radieschen, knackig gemacht mit dem Trick aus der Küche – in Eiswasser gelegt, und ab in den Kühlschrank, dann werden sie wieder knackig!
- Tag 2: Die Mango kam morgens ins Frühstück.
- Gurke und Salat wurden mit Mozzarella und frischem Brot zum schnellen Mittagsgericht.
- Tag 3: Die letzten Salatblätter, der Chicorée und Lauchzwiebeln verwandelten sich in einen Beilagensalat.
Fazit:
Wirklich Jeder kann etwas tun! Wer gezielt einkauft, kreativ kocht und Lebensmittel wertschätzt, rettet nicht nur Essen, sondern tut auch etwas fürs Klima und besonders den eigenen Geldbeutel. Es braucht keine Superkräfte, nur ein bisschen Nachendenken und Mitmachen.
Probieren Sie’s aus. und wenn Sie mal nicht wissen, was Sie aus Ihren Lebensmitteln zaubern sollen: Schreiben Sie mir! Ich helfe gern mit kreativen Ideen weiter, bin nicht vegan, aber immer mit Herz und Hirn.