16 Kilometer München: Meine Alternative zur Stammstreckensperrung

Zwischen Pasing und Ostbahnhof – Die Idee
Bis in die 2030er-Jahre wird in München der Bau der zweiten Stammstrecke der S-Bahn umgesetzt. Sie soll Überlastungen beseitigen, die Pünktlichkeit verbessern und neue Kapazitäten schaffen. Leider kommt es dadurch immer wieder zu den allseits unbeliebten „Stammstreckensperrungen“, bei denen die meisten S-Bahnen nicht verkehren. Wenn man dann beispielsweise von Pasing zum Ostbahnhof gelangen möchte, kann man entweder den bereitstehenden Schienenersatzverkehr per Bus nutzen oder auf das Auto, Radl, Roller oder ein Taxi ausweichen.
Da ich mich aufgrund meiner Körperbehinderung im Bus nur schwer festhalten kann und der Schienenersatzverkehr für mich daher keine Option ist, überlegte ich, ob es nicht eine andere Möglichkeit gibt, vom Pasinger Marienplatz zum Bahnsteig am Ostbahnhof zu gelangen. Die Strecke ist knapp 12 Kilometer lang und wird von der S-Bahn normalerweise in etwa 19 Minuten zurückgelegt.

Als ich dann kurz darauf im Stadtpark spazieren ging, kam mir die Idee: Ich könnte einfach die Strecke zu Fuß gehen.
Schon als Kind bin ich gerne mit meinem Vater wandern gegangen und auch heute laufe ich ab und an kleinere oder längere Strecken zu Fuß. Mal gehe ich kurz zur Blutenburg und mal ein größeres Stück auf einem der Jakobswege in München.
Ein paar Tage vor meiner „Großen Wanderung“ war ein Kamerateam bei meinem Ehrenamt zu Besuch und hat mich vor Ort gefilmt. Ein paar Tage später sollte dann, die Ausstrahlung stattfinden. Da ich zu Lampenfieber neige, was ich noch aus meiner Theaterzeit kenne, dachte ich mir: „Abends ist die TV-Ausstrahlung. Geh doch einfach wandern!” Beim Gehen kann ich wunderbar abschalten, an nichts denken und den Moment genießen. Also brach ich an diesem Tag auf und absolvierte meinen Stammstreckenhalbmarathon.
Start in Pasing am Irmonherplatz
Ich startete am Irmonherplatz und lief über die Gleichmannstraße zum Pasinger Marienplatz, grüßte die Mariensäule und ging von dort aus schnurstracks links die Landsberger Straße entlang Richtung Laim. Die Landsberger Straße ist zwar nicht unbedingt für ihre Schönheit bekannt, aber es gibt immer wieder etwas zu entdecken. Zum Beispiel Nobelkarossen, die in die Waschstraße fahren, Kinder an der Bushaltestelle oder eine Parkbank an der Kreuzung Willibaldstraße, auf der ich eine kurze Trinkpause einlegte. Viel war an diesem Wandertag noch nicht los, sodass ich freie Bahn beim Laufen hatte. Auf Höhe der S-Bahnhaltestelle Laim brachte die Sonne das Farbenspiel des Laimer Würfels richtig schön zur Geltung.

Ich überquerte die Fürstenrieder Straße, die von Baustellen für die Tram-Westtangente gesäumt war, und machte mich weiter auf den Weg zur Friedenheimer Brücke. An der Ecke Friedenheimer Straße fiel mir auf dem Weg dorthin ein besonders bunter Anblick auf: Hochhäuser in Pink und Blau waren eine willkommene Abwechslung in der sonst eher grauen Umgebung.
Nächster Halt, Friedenheimer Brücke
An der Friedenheimer Brücke angekommen, bekam ich Lust auf eine kleine Brotzeit und holte mir in einem benachbarten Bioladen Käse und Brot. Im nahe gelegenen Hirschgarten setzte ich mich anschließend hin und aß in Ruhe. Dabei beobachtete ich Spaziergänger mit ihren Hunden, Radfahrer und Passanten. Zehn Minuten später ging ich weiter über den Steubenplatz und entlang der Arnulfstraße bis zur Karl-Schurz-Straße. Dort ist es deutlich ruhiger als auf den mehrspurigen Hauptstraßen und es gibt schöne Sitzmöglichkeiten unter uralten Bäumen sowie eine sehr bekannte Künstlersiedlung.

Zwar bedeutete das einen kleinen Umweg für mich, aber mein nächstes Ziel war der Rotkreuzplatz. In dieser Gegend bin ich aufgewachsen und wollte sie mir wieder ansehen. Außerdem gibt es auf der Stammstrecke – mit oder ohne S-Bahn – kaum Toiletten. Weder an der Hackerbrücke noch in Laim oder an der Donnersbergerbrücke stehen welche am Bahnsteig zur Verfügung. Früher gab es zumindest an der Donnersbergerbrücke eine, die jedoch später zu einem Kiosk umgebaut wurde. Ich verstehe es bis heute nicht: Hier fahren sämtliche S-Bahnen sowie zahlreiche Regionalzüge, aber es gibt keine Toilette.
Die Fahrgäste der S-Bahn müssen eine gute Blase haben. Haltet ein, haltet ein!
Am Rotkreuzplatz angekommen, nutzte ich die sehr saubere öffentliche Toilette, kaufte mir eine Zeitung und lief weiter über die Nymphenburger Straße in Richtung Maxvorstadt. An der Ecke Elvirastraße kam ich an einem ehemaligen Arbeitsplatz vorbei und später an einer früheren Wohnung in der Nähe der Wappenapotheke. Aufgrund damaliger Bauarbeiten war sogar das Portal des Bruckmann Verlags sichtbar. Von meinem früheren Arbeitgeber hatte ich einmal eine Auszeichnung für besondere Leistungen erhalten, zusammen mit einem Kalender dieses Verlags als Geschenk.

Einige Meter weiter entdeckte ich eine Parkbank, dort saß eine Frau mit Fahrrad sprach mich an und fragte mich, was ich heute mache. Ich erzählte ihr von meinem Vorhaben, die Stammstrecke zu Fuß abzulaufen, um herauszufinden, ob dies im Notfall eine Alternative wäre.
Eine Pause zwischen Vergangenheit und Gegenwart
Wir unterhielten uns ein paar Minuten lang – eine willkommene Trinkpause – dann setzte ich meinen Weg zum Stiglmaierplatz fort. Dort sind neben dem U-Bahn-Abgang die Kupferkessel einer Brauerei zu sehen. Als ich noch in der Nymphenburger Straße wohnte, roch ich oft das frisch gebraute Bier oder hörte das klappern der Hufe der Bierkutschen. Ich trinke zwar selbst kein Bier, aber der Duft der Brauerei ist herrlich. Bin halt eine komische geborene Münchnerin die kein Bier und keine Weißwürscht ißt aber schwäbisch kann.

Kurz darauf verlief ich mich ein wenig und kam von meiner geplanten Route ab. Doch als ich das Gebäude der „Neue Hopfenpost“ sah, wusste ich, dass ich mich am Rundfunkplatz befand. An diesem Tag standen dort viele Polizeibusse, allerdings waren kaum Polizisten zu sehen. Vielleicht waren die bei Gericht, denn das liegt auch gleich ums Eck.
Nächster Halt, Karlsplatz – Stachus
Mein nächstes Etappenziel war das Amtsgericht am Stachus. Ich erreichte es über die Mars- und Elisenstraße, vorbei am Alten Botanischen Garten. Dort lagen Menschen im Gras, andere kühlten ihre Füße im Neptunbrunnen und wieder andere fotografierten die herrlichen Blumen. Tipp! Kamera nicht vergessen!
Am Stachus angekommen, sah ich vor dem Amtsgericht Straßenmusiker von Passanten umringt. Ich ging durch die Stachus-Passagen und kam in der Fußgängerzone wieder heraus. Von dort aus lief ich die bekannteste Münchner Einkaufsstraße entlang und sah mir die Namen der neuen Läden an. Hier findet ein ständiger Wechsel statt. Früher war ich oft in der Fußgängerzone, aber seit die großen Kaufhäuser geschlossen haben, bin ich nur noch selten hier.

Weiter in der Innenstadt durch die Fußgängerzone
Am Marienplatz kehrte ich zum Mittagessen ein und genoss ein Erfrischungsgetränk mit Salat und Brot. Das ließ ich mir gut schmecken. Mein digitaler Schrittzähler am Handgelenk hat sich schon von mir verabschiedet, die Batterien waren leer. Zum Glück hatte ich im Handy noch einen zweiten Schrittzähler. Manchmal lohnt es sich doch, für die eine oder andere App ein paar Euro auszugeben.
Nachdem ich mein Mittagessen verdaut hatte, erfrischte ich mich noch ein wenig und machte mich dann auf den Weg. Die nächste Strecke führte vom Marienplatz weiter am Isartor mit dem Valentin-Musäum vorbei, weiter über die Zweibrückenstraße am Kino und am Deutschen Museum (rechter Hand) sowie am Volksbad (linker Hand) vorbei. Als ich die Ludwigsbrücke kreuzte, floss unter mir die ruhige und grüne Isar, fast so, als würde sie mir beim Laufen zusehen.

Nächster Halt Isarufer – Gasteig
Auf dem letzten Teilstück wurde es anstrengend. Ich spürte meine Muskeln deutlich und merkte, dass sich vermutlich eine Blase an einem meiner Zehen gelaufen hatte. Da meine Turn- und Wanderschuhe kaputt waren, lief ich in normalen Halbschuhen – eine Notlösung. Es ging nun bergauf, was meine Letzte Kraft kostete – zumal es 21 Grad warm war und ich bereits seit über drei Stunden unterwegs war. Das Hochufer der Isar lag noch vor mir, etwa 10 bis 20 Höhenmeter hatte ich noch zu erklimmen. Es waren allerdings ganz normale graue Gehwegplatten…
Vorbei am gigantischen Gasteig schnaufte ich wie eine Dampflok, bis ich schließlich den Rosenheimer Platz erreichte und es langsam wieder flacher wurde. In einer Bäckerei die sich hinter dem Glaspalastbrunnen befand, kaufte ich mir noch eine Semmel für das spätere Abendessen. Dann ging ich über den Orleansplatz direkt zum Bahnsteig Richtung Pasing.
Glücklich im Ziel, angekommen am Ostbahnhof
Mein Kopf war knallrot vor Anstrengung und ich ahnte bereits den kommenden Muskelkater. Gleichzeitig war ich voller Energie und Freude. Am liebsten hätte ich die ganze Welt umarmt. Ich hätte diesen Moment gerne mit jemandem geteilt, doch um mich herum waren nur müde Büromenschen auf dem Heimweg, die sich vermutlich kaum für eine „verrückte“ Münchner Künstlerin interessiert hätten, die die Strecke zu Fuß lief – ausgerechnet an einem Tag, an dem die S-Bahnen pünktlich waren.
Fazit: Eine echte Alternative?
Insgesamt lief ich die 16 Kilometer an der Stammstrecke mit großem Genuss. Ja, es ist machbar. Nicht für jeden, aber im Notfall durchaus eine Alternative. Anstatt zu granteln, einfach laufen! Vor meinem Stammstreckenhalbmarathon war ich nach dem Frühstück noch kurz im Supermarkt, sodass ich abends insgesamt auf 22 Kilometer kam. Das ist wirklich ein Halbmarathon!

In Pasing angekommen, ließ ich mich schließlich auf die Couch vor den Fernseher fallen. Die Aufregung war verschwunden und ich musste verschmitzt schmunzeln als ich mich auf dem Bildschirm betrachtete. Ich sah meine Heimatstadt an diesem Tag mit neuen Augen.
Und eines weiß ich jetzt schon: Der Rucksack steht bereit für meine nächste verrückte Wanderung.